Gebt Nathan eine Chance! Über religiöse Toleranz und israelischen Terror. Und über die Bescheidenheit

Gebt Nathan eine Chance!

Über religiöse Toleranz und israelischen Terror. Und über die Bescheidenheit

Zwei Figuren aus der Literatur haben mich durch ihre besonders humane Sicht auf Fragen des menschlichen Zusammenlebens schon in jungen Jahren besonders beeindruckt: Nathan der Weise und die Möwe Jonathan.

Zuerst stöhnten wir verhalten, als der gute alte Volksschullehrer Hans Eckenberger uns pubertierenden Jungs im Deutschunterricht die Aufgabe stellte, ein Gedicht zu lesen. Aber da wir ihn über alles liebten, ihn, den sie aus der Pension zurückholten, nach dem Krieg, weil er weder NSDAP-Mitglied war noch für autoritäre Erziehung bekannt, beugten wir unsere jungen Häupter über Lessings Meisterwerk – und waren beeindruckt, nachdem wir zusammen die Schlußfolgerungen aus der «Parabel von den drei Ringen» diskutierten.

Israelischer Terror

In diesen Tagen spricht die halbe Welt vom sogenannten islamischen Terror, obwohl sich meist herausstellt, daß die Terroristen eher großgewachsene, spätpubertierende, psychisch labile Buben sind, die auch unter einer anderen Ideologie als einer religiösen gemordet hätten – hätten Mafia oder Camorra genügend bezahlt oder eine Jungfrau mehr geboten, wer weiß?

Der perfide Terror jedoch, den orthodoxe Juden direkt und indirekt seit Jahrzehnten und mit eiskaltem Kalkül und als sogenannte Erwachsene (??) ausüben, bleibt, außer in der arabischen Welt, so gut wie unerwähnt.

Das Signal an Israel, seine Nachbarn nicht weiter im Namen Gottes zu terrorisieren, das durch die UN-Resolution zum Stop des Siedlungsbaus vor kurzem ausging, führte sogar dazu, daß der nachweisliche Massenmörder und Politgauner Netanjahu den UN-Sicherheitsrat beschimpfte und ankündigte, sich an diese Resolution nicht zu halten und selbst Mord und Totschlag als Reaktion aufgrund der völkerrechtswidrigen Aggressionen Israels in Kauf zu nehmen – würde dies z.B. ein afrikanischer Staatsmann tun, wäre ihm sofort eine Zelle in Den Haag reserviert (dort wird aber wohl auch dieser Menschenverächter eines Tages enden, baruch Hashem… [1]) )

Also wieder einmal: Morden im Namen der Religion! Denn es sei daran erinnert, daß es eine jüdische Rasse nicht gibt, sondern lediglich eine jüdische Religion und einen israelischen Staat (ich verweise auf meine diversen Beiträge zu diesem Thema in meinem Blog [2]).

Die ganze Welt würde schmunzeln, wenn 2017 z.B. die Nachfahren der Sioux, der Navajos, der Apachen die US-Amerikaner auffordern würden, sofort den nordamerika-nischen Kontinent zu räumen, denn Manitu habe Ihren Vätern dieses Land in einer alten Botschaft vor Jahrhunderten zu eigen gegeben, basta – der globalen Minderheit der Anhänger von Moses Lehren jedoch wird ohne Zögern das Recht eingeräumt, sich auf einen imaginären «Bund mit dem Ewigen» zu berufen.

Das שְׁמַע יִשְׂרָאֵל („Schma Israel = Höre, Israel!) wurde von Nathan, den wir den Weisen nennen, noch ernst genommen, zum Beispiel in Hinblick auf den Aufruf zur Nächstenliebe. Sie erinnern sich? Nein? Nun, dann lassen wir doch Herrn Lessing hier nochmals durch Nathan sprechen:

 

Die Parabel von den drei Ringen

Vor grauen Jahren lebt‘ ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Daß ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, Daß dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn‘ Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. –
Versteh mich, Sultan.

Saladin:

Ich versteh dich. Weiter!

Nathan:

So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, – sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergießend Herz‘
Die andern zwei nicht teilten, – würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging. – Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. – Was zu tun? –
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen, –
Und seinen Ring, – und stirbt. – Du hörst doch, Sultan?

Saladin:

Ich hör, ich höre! – Komm mit deinem Märchen
Nur bald zu Ende. – Wird’s?

Nathan:

Ich bin zu Ende. Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. –
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; –fast so unerweislich, als
Uns ist – der rechte Glaube.

Saladin:

Wie? das soll Die Antwort sein auf meine Frage?

Nathan:

Soll mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

 

Saladin:

Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,
Daß die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis‘ und Trank!

Nathan:

Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. –
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! – Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? –
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –
Kann ich von dir verlangen, Daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –

Saladin:

Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
Ich muß verstummen.

Nathan:

Laß auf unsre Ring‘
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. – Wie auch wahr! – Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Genießen. – Wie nicht minder wahr! – Der Vater,
Beteu’rte jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein; und eh‘ er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen Laß‘: eh‘ müss‘ er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräter
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

Saladin:

Und nun, der Richter? – Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

Nathan:

Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, Daß ich Rätsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? –
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? – Oh, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drei für einen machen.

Saladin:

Herrlich! herrlich!

Nathan:

Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur! – Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. – Möglich; Daß der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Haus hat dulden wollen! – Und gewiß;
Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. – Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf‘! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! – So sagte der
Bescheidne Richter.

Monsieur Ibrahim und der junge Pi

Als der großartige Film «Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran» [3]) in Basel anlief, luden mich die Kinobetreiber ein, dem Premieren-publikum eine kurze Einführung in die Grundidee des Films zu bieten. Natürlich eröffnete ich mit der «Ringparabel», den dem war dann nur noch wenig hinzuzufügen.

Ein herrliches Beispiel für religiöse Toleranz, die sich sogar in Neugier für die Religion des anderen zeigen kann, bietet der junge «Pi» in «Schiffbruch mit Tiger»: Er erkundet in seiner Heimat Indien nacheinander das Christentum, den Islam und das Judentum – und erkennt den ungeheuren Vorteil, als Angehöriger aller dreier Religionen zugleich am Freitag, am Shabbat und am Sonntag einen Ruhetag zu genießen… [4])
Der bescheidene Richter

 

„Da wird ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen als ich; und sprechen. Geht! – So sagte der bescheidne Richter“ – was für ein uncooler Begriff – Bescheidenheit! Sollte Bescheidenheit eine der Wirkungen sein, die auch dem Opal in dieser Parabel zugeschrieben wird, scheint es tatsächlich, als wäre der echte Ring auf Nimmerwiedersehen verschwunden, beziehungs-weise nur mehr in kleinen Zirkeln, weltweit verstreut, anzutreffen.

Denn würde er in 7 Milliarden absolut gleich wirksamen Kopien an unseren Händen getragen, würden wir wohl kaum unseres Nächsten Weib begehren (na ja, da könnte man ja noch ein Auge zudrücken…), jedenfalls nicht dessen Hab´ und Gut – und schon gar nicht dessen in langen Jahrhunderten bewohntes Palästinenserland.

Also: Weg ist sie, die jüdische Bescheidenheit … quod erat demonstrandum!  [5])

 

 

[1]) Die hebräische Form von „Gott sei Dank“ oder „Dank Gott“

[2]) http://hugh-lorenz.com/wordpressblog/

[3]) Von Éric Emanuel Schmitt, 2003 verfilmt mit Omar Sharif in der Hauptrolle

[4]) Schiffbruch mit Tiger (Im Original «The life of Pi», Yan Martell 2001

[5] ) „Was zu beweisen war“, in Anlehnung an Euklids Schlußformel nach mathematischen Darlegungen.

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