Gedanken über Trump und andere irre Trampeltiere

„Der Irre ist demnach derjenige, welcher mit seinem ganzen Denken und Gehaben ohne Rücksicht auf die Umweltsrealität sich in seinem streng subjektiven, in sich abgeschlossenen Wertesystem bewegt“, schrieb Hermann Broch in seiner «Massenwahntheorie» [1]).

Den mächtigen Blondschopf im Weißen Haus durften bisher nicht wenige in seinem Umfeld nach eigenem Bekunden als beratungsresistent erleben – was Broch «Umweltsrealität» nannte, blendet auch Mr. Trump offensichtlich beharrlich aus.

Aber er steht beileibe nicht alleine mit diesem Verhaltensmuster. Im Gegenteil, es scheint weit verbreitet zu sein in der Weltgeschichte, in der großen Politik und ebenso in unser aller direktem Alltag. Ja, es erscheint geradezu ein uns allen innewohnendes Denk- und Verhaltensmuster zu sein. Lassen Sie uns diesem Phänomen daher sehr umsichtig und unvoreingenommen nähern.

In den späten 1980er Jahren lernte ich an der Uni Bamberg einen faszinierenden Mann und ein faszinierendes Projekt kennen: Prof. Dietrich Dörner und das «Lohhausen-Experiment» [2]).

Hermann Brochs Arbeiten waren mir da bereits seit langen Jahren bekannt. Ich hatte sogar schon ehrfürchtig und dankbar für seine Arbeit an seinem Schreibtisch gestanden, in Teesdorf bei Wien (die Hausverwalterin hatte ein Auge zugedrückt und mich hereingelassen, obwohl das Arbeitszimmer Brochs damals kein offizielles Museum und nicht öffentlich zugänglich war).

Aber zurück nach Bamberg, nach «Lohhausen». Prof. Dörner ließ Jahre nach dem Abschluß dieses Projekts / Experiments die zentralen Erkenntnisse daraus in ein Buch mit dem vielsagenden Titel «die Logik des Mißlingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen» fließen. Darin wird zunächst beschrieben, wie sich ein dipl. Volkswirt und ein dipl. Physiker bis auf die Haut blamierten, als ihnen eine auf den ersten Blick lächerlich einfach zu lösende Aufgabe gestellt wurde: Sie sollten den Moros, die irgendwo in Westafrika leben, bessere Lebensbedingungen verschaffen.

Die Moros sind ein Stamm von Halbnomaden in der Sahelzone, die mit ihren Viehherden von Wasserstelle zu Wasserstelle ziehen und außerdem ein wenig Hirseanbau betreiben. Es geht ihnen nicht sonderlich gut. Die Säuglingssterblichkeit ist hoch, die Lebenserwartung insgesamt gering, aufgrund der spezifischen Wirtschaftsform treten immer wieder Hungersnöte auf, kurz, ihre Situation ist bemitleidenswert.

Nun sollte etwas für die Moros getan werden. Geld stand zur Verfügung. Man konnte etwas gegen die Tsetsefliege unternehmen, die den Rinderherden stark zusetzte, konnte Brunnen bohren, Düngemittel beschaffen, andere Getreidesorten anpflanzen usw. (Details siehe unter [3]).

Alle Maßnahmen, die von den Akademikern vorgeschlagen wurden, flossen sofort in ein Computerprogramm ein, daß die Folgen ihrer Aktivitäten berechnete und nahezu in Echtzeit darstellte – sozusagen Handeln im Zeitraffer.

Das Ergebnis war niederschmetternd, ebenso wie es das Ergebnis aus dem vorhergegangenen «Lohhausen-Experiment» war: Die Herren waren allesamt durch die Komplexität, vor allem durch die nicht bedachten Vernetzungen ihres Handelns und deren Langzeitwirkungen überfordert! Durch zahllose Brunnenbohrungen sank der Grundwasserspiegel, durch die Bekämpfung der Tsetse-Fliege vermehrten sich die Rinderherden und fraßen auch die letzten Sprößlinge, so daß riesige Gebiete verdorrten … dies allerdings, gottlob, nur im zweistündigen Computerplanspiel, das 20 Jahre in der Realität simulierte.

Es gäbe die Moros heute nicht mehr, wären die Vorschläge der beiden Herren umgesetzt worden. Die zu Beginn des Experiments, nach Beschreibung von Prof. Dörner, gezeigte Selbstsicherheit und Überheblichkeit trug wohl zu einem nicht geringen Teil zum niederschmetternden Ergebnis bei.

Emotionen, Täuschung, Selbsttäuschung und Neurosen regieren die Welt!

Günter Ogger brachte es in seinem Buch «Nieten in Nadelstreifen« so auf den Punkt: „Persönliche Vorlieben, gekränkte Eitelkeiten und blinder Egoismus sind denn viel häufiger die Triebkräfte hinter den Taten unserer Manager, als man vermuten würde. Ihre glatte, oft mit militärischen Ausdrücken durchsetzte Sprache, ihr scheinbar entpersönlichter Führungsstil soll uns suggerieren, daß die Herren an den Schalthebeln allein nach klaren, logischen Gesichtspunkten handelten. Doch das ist nichts als Camouflage.“ [4])

Und genau das belegt auch das Bamberger sog. «Lohhausen-Experiment», in dem, ebenfalls via Computersimulation, die unterschiedlichsten Menschen alle Macht hatten, eine (fiktive Stadt, Lohhausen an der Lohe, zu leiten): Menschen handeln nun mal nicht rational, sondern absolut emotional. Was nicht nur beim vorgenannten Experiment mit den Moros, sondern auch im politischen und wirtschaftlich / geschäftlichen Alltag zur Folge hat, daß mit der Hoffnung auf viel Applaus die anstehenden Probleme gelöst werden, „ohne an die (Probleme) zu denken, die man durch die Problemlösungen neu erzeugte. Man hob gewissermaßen den Wagen aus einem Straßengraben heraus, um ihn gleich mit Schwung in den gegenüberliegenden hineinzuwerfen“ [5])

Was Schelsky „…die mehr oder minder größere Beimischung von Unklarheit, Unaufmerksamkeit und Flüchtigkeit, von naivem Selbstbehauptungs- und Selbsttäuschungswillen“ nennt, erleben wir selbstkritisch in unserem eigenen Alltag an und mit uns selbst, bei anderen am Arbeitsplatz und in der Politik. [6])

Auch wenn dies Resignation angesichts der Tatsache bedeutet, „daß es ja schon immer so war“, bleibt uns nicht erspart zu fragen, ob unsere Welt nicht insgesamt gefährlicher wird, als sie es je war, wenn wir unsere Einzelschicksale vor allem Männern anvertrauen, die wir mit viel Macht ausstatten, die aber nicht einmal ansatzweise jene Fähigkeiten mitbringen, die benötigt werden, um diese Macht überlegt und zum Wohle des Gesamtsystems zu nutzen – die Moros lassen grüßen.

Schmutz mit Goldglanz, Chefs mit Macke?

«Homo homini lupus» hat, Religionen, Spiritualität, Humanismus hin oder her, kein Jota an Realität verloren. Schelsky: „Der Humanisierungsprozeß ist – sozial wie individuell – steckengeblieben. Die seit den frühesten Anfängen menschlicher Zivilisation von allen Religionsstiftern, Philosophen und Staatsmännern als göttliches Gebot, als vornehmste Tugend, als schlichte Vernunftregel proklamierte Erkenntnis, daß der Mensch seinen Mitmenschen schonen muß, wenn er selbst überleben und menschlich existieren will, hat in uns keine Wurzel gefaßt, kann jederzeit hinweggespült, verdrängt, vergessen werden wie irgendeine andere x-beliebige Idee.“ [7])

Als 2006 der renommierte Nationalökonom und Publizist Albrecht Müller, ehemaliger Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt bei Willy Brandt und Helmut Schmidt, sein Buch mit dem provozierenden Titel «Machtwahn – wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet» publizierte, ging nicht etwa ein Sturm der Entrüstung durch die Republik über die Zusammenhänge, die Müller präzise, kompetent und mit vielen Fakten unterlegt aufdeckte. Weil es zu sehr nach Verschwörungstheorie klang?

Rolf Berth von der KIENBAUM-Akademie bescheinigte nach einer Umfrage bei 437 Führungskräften „akuten Realitätsverlust, krankhaftes Mißtrauen und nervöse Zwangsvorstellungen“ – erinnert das an einen gewissen Herrn im Weißen Haus 2017?

In diesen Tagen erleben wir signifikante Häufungen von aufgedecktem Versagen im sogenannten Topmanagement. Wir erleben einen offensichtlichen Betrüger und Steuerhinterzieher Schlecker, der in der Kunst der schamlosen Realitätsverdrängung, der mitleidlosen «Meinetwegen-Sintflut-ich-sitze-ja-in-der-Arche» Strategie nur noch vom verlogenen Pack der großen deutschen Automobilmanager übertroffen sieht. Und Topmanager in der Autoindustrie, die, so wie Kinder die Decke über den Kopf ziehen und wähnen, sie seien dann unsichtbar, offensichtlich über Jahre und Jahre realitätsverdrängend logen, daß sich die Balken bogen (Balken, deren verändertes Aussehen aber nur Außenstehenden auffiel, das eigene Umfeld sah nach wie vor offensichtlich tragfähige Stützen sowohl in ihren Chefs als auch … den Balken).

Der DROEMER-Verlag brachte es im Klappentext zu ‚Albrecht Müllers Buch so auf den Punkt: „Unsere Eliten sind unteres Mittelmaß, und sie sind rücksichtslos und zerstörerisch.

Aber im Grunde ist dies alles ja keineswegs neu. Durch die Politik ebenso wie durch die Ökonomie zieht sich eine breite Blutspur inkompetenter, aber einschüchternd-aufbrausender Choleriker, die manchmal als Väter probten, was sie dann im Büro oder in der Werkhalle, der Parteiensitzung oder vor Untergebenen, meist ohne  nennenswerten Widerspruch,  ausleben durften.

Balzac schrieb in «Illussions perdu»: „Der Mensch bleibt immer der gleiche, oben, unten und in der Mitte. Nur daß sich oben der Schmutz mit Goldglanz überzieht.“ [8]). Obwohl uns als erwachsenem Individuum diese Beobachtung keineswegs neu ist, verwundert immer wieder, daß Männer, die offensichtlich im Sinne Hermann Brochs «Irre» sind, massenweise Gefolgsleute finden, die, wie in Deutschland mit Hitler und nun in den USA geschehen, sogar die ganze Welt aus den Fugen hebeln könnten.

Dämmerzustand, Irrationalität, Ekstase und geschlossene Systeme

Brochs Verdienst auf dem Gebiet der Massenwahnforschung liegt in der Einführung der Begriffe «Dämmerzustand», «Ekstase» (letztere im Zusammenhang mit Massenwahnerscheinungen), dem Herausarbeiten der Bedeutung kollektiver Werte im Kontext von Wahnerscheinungen und dem Hinweis auf die Varianten «offene und geschlossene Systeme».

„Es sind vor allem «wertgefährdete» Menschen, welche am widerstandslosesten und raschesten von einem Massenwahn ergriffen werden. Menschen, die entweder wegen ihrer eigenen Unfähigkeit oder infolge der Mängel des Wertesystems ihrer Lebensumgebung  (…) ihren Platz im System sei es nicht finden konnten, sei es verloren haben, und die hierdurch sowohl ökonomisch wie sozial wie seelisch in schwerste Unsicherheit gestürzt sind“ – Amerikas „rust belt“ läßt grüßen?

Wenn er pessimistisch eine „durchgängige Wahnveranlagung des Menschengeschlechts“ konstatiert [9]), gibt uns das Anlaß zu Fragen, die in die (Und?)tiefen spiritueller Zusammenhänge einzutauchen zwingen, was den Rahmen dieser kurzen Betrachtung sprengt.

Ich schließe diesen Versuch, den Mikrokosmos unseres ganz persönlichen Umgangs mit diesem Fragenkomplex Macht, Ohnmacht, Lüge, Kaltblütigkeit, bei Menschen in unserem Umfeld erkannten Psychosen etc. mit einem Blick in den Makrokosmos menschlicher Verhaltensmuster per se zu verbinden, indem ich wiederum Hermann Broch das Wort erteile mit dem Abschnitt seines Werks «Massenwahntheorie», der von Neurotikern und Psychotikern handelt:

„(…) … der Konflikt des Neurotikers besteht in einem richtigen Kampf, den er unausgesetzt mit der inneren und der äußeren Realität zu führen hat, um diese im Sinne seiner Realitätsinsuffizienz zurechtzubiegen, und wenn er, wie dies fast immer der Fall ist, in diesem Kampf nicht obsiegt, sondern eine Niederlage erleidet, so wird er zum panikisierten Flüchtling, zum Flüchtling in eine andere, d.h. rationalärmere und niedrigere Wertrealität und unter Umständen sogar in völlige Apathie: Der Psychotiker hingegen weiß nichts von seiner Realitätsinsuffizienz, er weiß nichts von Realitätsunsicherheiten und Realitätsanpassungen, vielmehr fühlt er sich in seinem eigenen (eben psychisch geschlossenen) Wertsystem vollkommen sicher, und sein Konflikt mit der Realität ist daher nicht ein «Kampf»wie der des Neurotikers (…), sondern ist ein unaufhaltsames Weiterschreiten im eigenen Wertsystem, das unbekümmert um jegliche Realität weiter und weiter wuchert (…)“

Nun gilt es nur noch, das blondschopfige US-Trumpeltier in die richtige Kategorie einzuordnen – quod erat demonstrandum!

[1] Hermann Broch: Massenwahntheorie. Beiträge zu einer Psychologie der Politik. Suhrkamp 1979

[2]) Dietrich Dörner u.A.: Lohhausen. Vom Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität. Verlag Hans Huber, Bern 1983/1994

[3]) Dietrich Dörner: Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt 1989

[4]) Günter Ogger: Nieten in Nadelstreifen. Deutschlands Manager im Zwielicht. Droemer Knaur 1992

[5] A.a.O. S. 11

[6] Gerhard Szczesny: Die Disziplinierung der Demokratie oder die vierte Stufe der Freiheit. Rowohlt 1975

[7] ) a.a.O. S. 58

[8]) Honore de Balzac: Verlorene Illusionen (Illussions perdu)

[9] Hermann Broch: Massenwahntheorie. Beiträge zu einer Psychologie der Politik. Suhrkamp 1979, S. 281

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