Über lange Gedanken und kurze Sätze. Und warum beides nicht zusammengeht.

Goethe sagte zu Eckermann, immer wenn er den Kant aufschlage sei es, als betrete er ein helles Zimmer.

Nun, seit einiger Zeit verbringe ich immer wieder ein, zwei Stunden täglich in diesen freundlichen Königsberger Räumlichkeiten: Die «Kritik der Urteilskraft» drängt ans
Tageslicht, aus den Tiefen der Bibliothek; und der kategorische Imperativ erklärt sich als Ergebnis praktischer Vernunft…

Was mir auffällt: Jene Sätze, die sich, nicht nur bei Kant, sondern bei allen großen
Denkern durch die Jahrtausende, insbesondere jedoch im 17., 18. und 19. Jahrhundert in Zentraleuropa, oft über mehrere Zeilen erstrecken, bis sie ihre Auflösung finden, die am Satzanfang implizit enthalten war, bereiten mir immer noch die gleiche Freude wie in jungen Jahren. Welch ein Wandel in unseren Denkstrukturen, wenn 2017 jeder Grundschullehrer seiner Klasse eintrichtert, Sätze sollten so kurz wie nur möglich formuliert sein – was für ein Unsinn!

Das gesprochene und geschriebene Wort soll ja den entsprechenden Gedanken widerspiegeln. Wer junge Menschen dazu zwingt, Gedanken zu zerstückeln nur der Kürze
wegen, ist wie jemand, der einer Köchin empfiehlt, sie möge doch den Hauptgang in kleine Portionen zerlegen, die Gäste seien mit dem (meinetwegen veganen!) Spanferkel am Stück überfordert…

Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, einem Satz mit zwei eingeschobenen Nebensätzen gedanklich zu folgen, sollte uns das nachdenklich stimmen. Denn eine immer komplexer organisierte Welt, die Komplexität der sozialen Zusammenhänge etc. rufen nach der Fähigkeit, Komplexität zu verschlüsseln und wieder entschlüsseln zu können.

Es ist ja gerade der wirklich gewichtige Gedanke, der sich sorgfältig und ab und an auch mühsam seinen Weg bahnt, manchmal geradezu mäandernd, aber in einem Gesamtzusammenhang sich entwickelnd, der die Zuhörer oder die Leser aufhorchen läßt, Spannung aufbaut: Erreicht er sein Ziel?

Helmut Schmidt war ein klassisches Beispiel für diese Brillanz der Gedankenführung – wer ihm zuhörte, mußte Geduld aufbringen, denn abgesehen von der Notwendigkeit, gelegentlich an der Zigarette zu ziehen, gab er sich völlig der Entwicklung seiner Gedanken hin, ruhig und gelassen.

Ich empfehle übrigens hierzu jedem die Lektüre von Kleists Aufsatz «Über die allmähliche Entwicklung der Gedanken beim Sprechen» – hier einige entscheidende Passagen:

„(…) Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich
suche, von fernher in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist.

Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon
angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren
Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höhergespannt.  (…) Ein solches Reden ist ein wahrhaftes lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakten, für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufen­des Rad an seiner Achse (…).“

Sprache ist das Fundament des Menschseins. Wenn wir fordern und fördern, daß unsere Kinder und Enkel über das embryonale Babbeln der Kindergartenzeit hinaus gelangen
sollen und lernen, daß nur durch die Fähigkeit komplexer, verbaler Kommunikation sich uns die Welt erschließt, nehmen wir den sogenannten Bildungsauftrag wahr. Nicht grundlos sprechen wir im Deutschen von unserem «Sprachschatz» – wir sind reich, aber scheuen uns meist, in die verbale Schatztruhe zu greifen, verteilen Modeschmuck statt der
Edelsteine, die sich darin finden…

Zum Abschluß dieser (hoffentlich anregenden? ) Gedanken eine Erkenntnis Schopenhauers, die vielleicht erklärt, warum sich Menschen lieber in kurzen Sätzen und entsprechend kurz gefaßten Gedanken mitteilen (er selbst bildet da wieder einmal eine wenngleich
anstrengende, aber löbliche Ausnahme):

„Wenn man wohl erwägt, wie groß und wie naheliegend das Problem de Daseins ist,
dieses zweideutigen, gequälten, flüchtigen, traumartigen Daseins – so groß und so naheliegend, daß, sobald man es gewahr wird, es alle anderen Probleme und Zwecke überschattet und verdeckt, – und wenn man nun dabei vor Augen hat, wie alle Menschen –
einige wenige und seltene ausgenommen – dieses Problems sich nicht deutlich bewußt, ja seiner gar nicht inne zu werden scheinen, sondern um alles andere eher als darum sich bekümmern und dahinleben, nur auf den heutigen Tag und die fast nicht längere Spanne ihrer persönlichen Zukunft bedacht, indem sie jenes Problem entweder ausdrücklich
ablehnen oder hinsichtlich desselben sich bereitwillig abfinden mit irgendeinem System der Volksmetaphysik und damit ausreichen;

wenn man, sage ich, das wohl erwägt, so kann man der Meinung werden, daß der Mensch doch nur sehr im weiteren Sinne ein denkendes Wesen heiße, und wird fortan über keinen Zug der Gedankenlosigkeit oder Einfalt sich sonderlich wundern, vielmehr wissen, daß der  intellektuelle Gesichtskreis des Normalmenschen zwar über den des
Tieres hinausgeht, aber doch nicht so unberechenbar weit, wie man wohl anzunehmen pflegt.“

Artur Schopenhauer (in: Über Philosophie, Universitätsphilosophie und meine Philosophie)

 

 

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