Gleichzeitigkeit als Herausforderung. Gedanken zu einem integralen Bewußtsein.

Bertrand Russel wird die Feststellung zugeschrieben, das Schlimmste sei, daß die Dummen sich ihrer Sache immer so sicher seien und die Gescheiten stets voller Zweifel.

Momentan erleben wir einen bis an die Schmerzgrenze dummen amerikanischen Präsidenten, der sich seiner Sache mehr als sicher ist, ja, mit geradezu prophetischem Bewußtsein auftritt.

Klar, alle Psychoprofis sind sich einig, daß wir es bei diesem lügenden, egomanischen Blondschopf mit einem hochgradig psychisch Kranken zu tun haben. Aber das wirft viele Fragen auf, die auch unser aller Alltag betreffen, unabhängig davon, wo auf der Welt wir leben, welchem System, welcher Ethnie wir angehören, welcher Religion, und ob wir Eva oder Adam sind.

Als Schriftsteller empfinde ich so, wie das Albert Camus einmal formulierte: „Darum würde ich mich schämen, heute den Glauben zu erwecken, ein französischer Schriftsteller könne der Feind einer einzelnen Nation sein. Ich hasse nur die Henker.“[1])

Insofern zähle ich den globalen Henker Donald zu meinen Feinden – als im klassischen Sinne forschender Wissenschaftler aber nehme ich das Tagesgeschäft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Anlaß, nüchtern und emotionslos nach wiederkehrenden Mustern hinter den Phänomen zu suchen, Faktoren zu erkennen und zu beschreiben, die es uns erleichtern, das Geschehen um uns herum in seiner Gesamtheit zu verstehen, damit wir unseren ganz persönlichen Ruhepunkt darin finden können, unsere ganz persönliche Art, mit unseren Mitmenschen umzugehen, auch wenn sie z.B. offensichtlich zutiefst ungebildete, infantile, rückständige Psychopathen sind.

Alles jetzt und hier

Das Problem der Globalgeschichte ist nicht mehr die angebliche Rückständigkeit der Anderen, sondern die Neuordnung des Jetzt, die völlig unbewältigte Synchronisation des massiven Parallelismus der globalen Gleichzeitigkeiten“, schreibt Wolf Schäfer.[2]).

Gerade dieses Faktum erschreckt uns: Ein Steinzeitmensch Trump erklärt uns die Welt zeitgleich mit einem Stephen Hawkins; an der MET wird die neueste Inszenierung von Mozarts «Zauberflöte» aufgeführt, während in einem afrikanischen Dorf im gleichen Moment ekstatisch zu wilden Trommelklängen gezuckt wird; in einer amerikanischen Kirche wird während der Predigt auf der Unantastbarkeit der biblischen Schöp-fungsgeschichte beharrt, während Atomphysiker am CERN den Urknall simulieren – läßt sich das alles mit „die Welt ist halt mal so!“ abtun?

Exkurs zu Darwin

Die moderne Biologie weist immer wieder darauf hin, daß Darwins Evolutionstheorie in ihren Grundannahmen inzwischen nicht mehr angezweifelt werden kann, obwohl noch niemand wirklich beobachten konnte, wie sie abläuft (abgesehen von kurzfristig beobachtbaren Mutationen)

Welche Stufe der Evolution erleben wir bei einem primitiv brüllenden, an ein Gorillamännchen erinnernden Donald Trump, der nur homo erectus erectus, aber keineswegs homo sapiens sapiens genannt werden darf und sich nur in 3% der Gene vom Primaten unterscheidet?

Sollten wir einfach achselzuckend hinnehmen, daß es in der uns bekannten Geschichte der Menschheit stets Hochkulturen zeitgleich mit primitiven Kulturen gab?

Sollten wir uns damit abfinden, daß unser Nachbar, ob in Deutschland oder in den USA, zwar zur gleichen Zeit mit uns lebt, aber in seiner Persönlichkeitsstruktur einer anderen Epoche anzugehören scheint?

„Annähernd zwei Millionen Jahre dauerte die steinzeit-liche Kindheit des Menschen, in welcher er Konfliktsituationen und außergewöhnliche Eindrücke nach Art psychologischer Archetypen gespeichert hat.  Das sind rund 60000 Generationen von Steinzeitahnen, deren geistiges und psychologisches Erbe der Mensch von heute unbewußt zu tragen hat, ob es ihm nun recht ist oder nicht. Alle kulturellen Anstren-gungen der 150 bis 200 nachsteinzeitlichen Genera-tionen haben nicht vermocht, das steinzeitliche Erbe völlig zu bewältigen.
Die Nachsteinzeit war zu kurz, um unser kollektives Unterbewußt
sein von stein-zeitlichem Gedankengut zu befreien.[4])

Betrachten wir jedoch Evolution im Sinne Teilhard de Chardins, so ist sie eine Evolution des Bewußtseins, ein Aufstieg des Lebens hin zum Bewußstsein.[5])

Ein solcher Aufstieg jedoch kann sehr wohl, anderes als bei der Evolution des Sichtbaren im darwinschen Sinne, bei einzelnen Individuen beobachtet werden – wer kennt nicht Menschen in seinem Umfeld, die aus welchen Gründen auch immer aus bisherigen Verhaltensmustern konsequent „aussteigen“, um diszipliniert und konsequent ein „bewußteres“ Leben führen?

Exkurs zu Peter Russel

Als in den 1960ern die revolutionäre Gaia-Hypothese entwickelt wurde, die uns darauf hinwies, den Planeten als ein lebendiges, homogenes und in sich vernetztes System zu betrachten, hatte dies auch Auswirkungen auf die Geisteswissenschaften. [6])

Denn wir sind nunmehr aufgefordert, uns endgültig von der Vorstellung zu lösen, irgend ein «Phänomen»[7]) sei für sich alleine zu betrachten.

Als Peter Russel [8]) Beispiele für überaus seltsame Naturkonstanten als Beleg für diese Theorie formulierte – z.B. den konstanten Salzgehalt der Meere, den konstanten Sauerstoffanteil in der Atmosphäre – und als sich plötzlich Mediziner an die Konstanten im menschlichen Körper erinnerten wie z.B. Körpertemperatur, Zahl der Pulsschläge etc., öffneten sich interdisziplinäre Kooperationen, die neugierig diese Beobachtungen verfolgten und noch verfolgen.

Wenn also letztlich alles mit allem vernetzt scheint, bedeutet das doch, daß ich im selben Netz zapple wie Donald Trump?

Exkurs zu Gebser

Zum Glück gab es da diesen im klassischen Sinne «Universalgebildeten», der mit genialem Scharfblick erkannte, daß eine Analogie besteht zwischen der Entwicklung des globalen Bewußtseins und der Entwicklung des Bewußtseins eines jeden Individuums.

Seine scharfsinnige Beschreibung der Strukturen menschlicher Bewußtseinsformen, die in seinem zentralen Werk «Ursprung und Gegenwart» ihren Niederschlag fanden, tragen viel zum Verständnis bei, warum sozusagen zeitgleich ein Donald Trump, ein Stephen Hawkins, ein tätowierter «Hells Angel» und ein geisterbeschwörender afrikanischer Medizinmann auf unserem Planeten leben.[9])

Die archaische und die magische Bewußtseinsstruktur, die eine raum- und zeitlose, eine sozusagen nulldimensionale war und der der Steinzeitmensch angehörte, wurde eben nicht vollumfänglich abgelöst, sondern nur ergänzt resp. überlagert durch die mythische Struktur, die in unseren zahlreichen, noch unseren Alltag im 21. Jahrhundert bestimmenden «Mythen» der Menschheit wertvolle Schätze bescherte und gerade durch die Ambivalenz dieser Empfindungen die Kulturgeschichte bereicherte. [10])

Diese mythische Bewußtseinsstruktur führte zu einer Bewußtwerdung der Seele, der Innenwelt: „War das Resultat der magischen Struktur die Bewußtwerdung der irdischen Natur, also vornehmlich der Erde, so bringt die mythische den Gegenpol der Erde, nämlich die Sonne und den Himmel, zum Bewußtsein. Damit wird die im magischen Kampfe angeeignete Erde gleichsam umfangen von den beiden polaren Wirklichkeiten: von dem unter-erdhaften Hades und dem über-erdhaften Olymp.“ [11])

Das, was Gebser die «mentale» Struktur nennt (von «mens = messen), begegnet uns überraschenderweise auch wieder erstmals in Griechenland, ca. 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung: Interessanterweise hinkt der Rest Europas hinter dieser Periode der großen Denker und Eroberung des Raumes, damals vor allem durch Mathematik (Euklid, Pythagoras etc.), hinterher und entdeckt den Raum erst um ca. 1200 nach Beginn unserer Zeitrechnung! [12])

Und auch bei dieser Bewußtwerdung, bei diesem Auftreten einer neuen Bewußtseinsstruktur, gilt: Sie ergänzt die anderen Strukturen, aber ersetzt sie nicht. Erst in einer hypertrophierten Form, wie wir sie im 20. Jahrhundert erlebten, als nur noch galt, was meßbar ist (anknüpfend an Newtons Imperativ, alles zu messen, was meßbar sei, und alles meßbar zu machen, was es noch nicht sei) erlebten wir die degenerierte Form.

Analogien

Legen wir dieses Modell der sich gegenseitig überlagernden Bewußtseinsstrukturen und der ihnen zugrunde liegenden Mutationen jetzt unserem jeweiligen eigenen Leben zugrunde, erscheint plötzlich das Individuum, der einzelne Mensch an sich, in einem ganz anderen Licht: Jede und jeder Einzelne von uns erlebt nämlich genau diese Reise durch die diversen Strukturen, vom embryonalen Stadium (archaisch) über die ersten ein, zwei Lebensjahre (magisch) und dann das Erwachen und Erkennen des Du und des Ich, des Traumes im Alltag, der Märchen und Irrationalitäten (mythisch) hin zum Erwachen der Ratio, der Entdeckung des Individuellen, des Ge-einzeltseins, des eben nicht umfänglich Geborgenseins in der mütterlichen «Höhle» und dem kosmischen Geschehen, sondern als isoliertes Individuum, wie uns das ja das moderne Zeitalter mit der grausamen Isolation und dem gleichzeitigen absolut in den Vordergrund rücken des Egos als zentrales Moment warnend aufzeigte.

Es sei hier noch erwähnt, daß der hellsichtige Gebser bereits die aufkeimende, neue Bewußtseinsstruktur, die er die integrale und a-perspektivische [13]) nannte, nachwies mit dem unbedingten Hinweis, daß in keinem Fall auch nur eine dieser vorhergehenden Strukturen als überholt oder gar verzichtbar gesehen werden darf: „Wir haben selbst das Praerationale nicht nur als einst gültig, sondern als selbst heute noch aus seiner uns mitkonstituierenden Struktur heraus als wirksam ersichtlich gemacht. Und darüber hinaus haben wir von der Unverlierbarkeit der archaischen Struktur gesprochen, die infolge ihrer Ursprungsgegenwärtigkeit auch heute stets gegenwärtig ist.[14])

Zurück zum Trumpeltier

Trump, der grimmig dreinblickende Gorilla – nur noch nicht angekommen in der mentalen Struktur und deshalb auch nicht mit rationalen Argumenten erreichbar?

Oder schlichtweg magisch-emotional dominiert, so daß das Mentale keine Chance hat? Das wäre eine Alternativerklärung zu der der klassischen Psychologen.

Testen können wir diese Überlegung in unserem eigenen, ganz persönlichen Umfeld: Herr Meier von nebenan, als «Reichsbürger» bekannt und keinem rationalen Argument zugänglich, im Magisch-Mythischen verhaftet? Frau Professor Schulze, ihres Zeichens Mathematikerin, alles Körperliche verabscheuend, nie die Selbstkontrolle verlierend, nicht einmal beim Tanzen, demnach dekadent mental und jeder magischen Regung fremd?

Und ich selbst: Wann lasse ich alle Komponenten meiner Persönlichkeit zu, je nach Bedarf – kann ich immer meinen eigenen meckernd-kritischen Verstand abschalten und mich an selbstvergessen lärmenden, raufenden Jungs erfreuen, ohne zugleich über die Spätfolgen mangels Disziplin für die armen Kleinen nachzudenken? Und wer bin ich, wenn ich eintauche in die Woge am Südflügel, wenn mein Verein den «Bayern» eins auf den Rüssel gibt – triebgesteuert-magisch oder gar archaisch?

Alles jetzt – wie leben?

Meine Zeit ist begrenzt, aber je mehr ich eintauche in die Reflexion darüber, was für ein Plan hinter diesem gleichzeitigen wahnsinnigen Geschehen steht und ob es da überhaupt einen gibt, um so schwieriger wird die Entscheidung, wer und wie «ich» überhaupt sein will und gar: Sein kann!

Wenn sich in meiner persönlichen Seelenstruktur vom Zustand der dumpfen, unreflektierten embryonalen Geborgenheit bis zum integral-spirituellen alles vereint, taucht unweigerlich die Frage auf, welche Fähigkeiten ich denn dringendst pflegen sollte, um all der Gleichzeitigkeit und der Komplexität des eigenen Lebens und des Daseins insgesamt zu begegnen, geschweige denn dem Weltgeschehen?!.

Eine sinnvoll erscheinende Antwort gibt, so scheint es mir, Gerhard Szczesny:

„Das, was jeder Mensch unter allen Umständen und allein auf sich gestellt zu bestehen hat, was nicht zu ändern und zu umgehen ist, sind die Grundbedingungen seiner Existenz: er erfährt sich als ein unvollkommen ausgestattetes, widersprüchlich angelegtes Wesen. Seine Lebenszeit ist begrenzt. Es bedrohen ihn Alter und Krankheit, Unglücksfälle und Enttäuschungen. Er scheiterte bei der Lösung privater und sozialer Probleme ebenso wie bei dem Versuch, den Dingen auf den Grund zu kommen und weiß letztlich nicht zu sagen, worauf dieses Leben, aus dem er ebenso ungefragt entfernt werden wird, wie er in es hineingeraten ist, eigentlich wurzelt und welchen Sinn es hat. Es sind diese Grund- und Grenzerlebnisse, die die stärkste und beständigste Herausfor-derung für den Menschen darstellen, und es sind für ihn also jene Fähigkeiten am unerläßlichsten, die es ihm erlauben, diese Herausforderung zu bestehen: Einsicht, Mut, Gelassenheit. Diese Eigenschaften sind schon in der antiken Philosophie in den Rang von Kardinaltugenden erhoben worden. Sie hießen dort: Weisheit, Tapferkeit (im Sinne von Fähigkeit zur Anspannung des Willens) und Besonnenheit (im Sinne von Selbstbeherrschung). [15])

Wir sollten den Griechen doch weitere Kredite bewilligen…!

[1] Albert Camus, in: Briefe an einen deutschen Freund. Vorwort zur italienischen Ausgabe.

[2]) Wolf Schäfer, in: Ungleichzeitigkeit als Ideologie. Beiträge zur historischen Aufklärung. Fischer 1994

[4]) aus: H. Wunderlich, Wieviel Steinzeitdenken steckt im modernen Menschen? Die Steinzeit Ist noch nicht zu Ende“. Rowohlt 1974

[5] ) Teilhard de Chardin, Der Mensch im Kosmos

[6]) entwickelt von Lynn Margulis und James Lovelock

[7]) aus dem Griechischen φαινόμενον fainómenon‚ ein sich Zeigendes, ein Erschei-nendes

[8]) Peter Russel, Die erwachende Erde. Unser nächster Evolutionssprung. Heyne 1984

[9]) Jean Gebser. Ursprung und Gegenwart. Novalis Verlag

[10]) «mytheiomai» fußt in der Wurzel «mu» ebenso jedoch wie «myein», das wiederum „sich schließen“ bedeutet. Das Mythische erscheint uns also ambivalent, als das Zulassen des sowohl-als-auch, so wie z.B. «altus» ebenso für tief wie für hoch, für oben wie unten steht

[11] Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart. Erster Teil S. 113

[12]) Es ist kein Zufall, daß die großen Seefahrer, die großen Entdeckungsreisen, das Erwachen des Reisens an sich, das Berge besteigen etc. sich gleichsam synchron um diese Zeit bewegen, was wir getrost als die «Eroberung des Raums» bezeichnen dürfen. Siehe hierzu vor allem Jean Gebser, Abendländische Wandlungen, Novalis Verlag Gesamtausgabe 1986 Band 1

[13]) Dies nicht im Sinne des alpha negativum, s. a.a.O. S 366

[14]) a.a.O., S 365

[15]) Gerhard Szczesny, Die Disziplinierung der Demokratie oder die vierte Stufe der Freiheit.Rohwolt 1974 S.74

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Eine Antwort auf Gleichzeitigkeit als Herausforderung. Gedanken zu einem integralen Bewußtsein.

  1. Alexander Abshagen sagt:

    Ein hochinteressanter Essay, der in die Zeitungen gehörte, damit ihn viele Leser rezipieren können.

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